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Die Kollektive Intelligenz der online Communities

April 13, 2008

Ein interessanter Aspekt von Online Kollaboration, den Tapscott/Williams (S.42) in ihrem Buch nur kurz ansprechen ist das Phänomen der kollektiven Intelligenz. Dabei wird angenommen, dass eine möglichst heterogene Gruppe zu intelligenteren Lösungen kommt, als zum Beispiel eine spezialisierte Expertengruppe. Eine Firma die kollektive Intelligenz zu nutzen versucht ist Marketocracy, wo Aktienhändler virtuelle Aktienportfolios unterhalten. Die Strategien der 100 besten Händler werden vom Investmentfonds von Marketocracy kopiert und konkret angewandt.

Der Investementfonds von Marketocracy schneidet laut Tapscott/Williams (S. 24) regemässig besser ab, als der S&P 500 Index . Eine andere Firma, die kollektive Intelligenz konsequent anwendet ist Amazon mit ihrem Ratingsystem, das erlaubt Bücher, Filme etc zu bewerten.

Laut dem Massachussets Institute of Technology MIT, welches das Phänomen der kollektiven Intelligenz untersucht, sind Faktoren wie Vielfältigkeit ,hierarchische neben nicht-hierarchischen Strukturen, modularisierte, dezentrale Aufgaben, ein dichtes Kommunikationsnetz, Anreizsysteme, gemeinsames Vokabular und gemeinsame Infrastruktur sowie gegenseitige Aufmerksamkeit und gegenseitiges Lernen für das Gelingen von kollektiver Intelligenz notwendig. Hemmend wirken dagegen persönliche Voreingenommenheit, enge Bandbreite in der Auswahl der Teilnehmer, mangelnde soziale Verbundenheit sowie kulturelle Grenzen.

Angewandte Forschung betreibt das MIT bezüglich kollektiver Intelligenz in den Bereichen innerorganisationale Zusammenarbeit, Klimawandel, Gesundheitswesen und kollektive Prognostik .

Das wohl bekannteste Produkt kollektiver Intelligenz ist die online Enzyklopädie Wikipedia, welche den Vergleich mit der Encyclopaedia Britannica bei einer Untersuchung der Fachzeitschrift Nature weitgehend standhielt. Auch mit der Onlineausgabe des Brockhaus kann sich Wikipedia messen.

Kritikpunkte der kollektiven Intelligenz sind der menschliche Herdentrieb oder das

Informational Cascading, welches aussagt, dass wir massenhaft geäusserten Ansicht eher zustimmen als wiedersprechen.

Ein weiterer Ansatz zur Nutzung der kollektiven Intelligenz besteht im gemeinschaftlichen Indexieren, auch bekannt als Social Tagging. Dabei entstehen die so genannten Folksonomien, die Taxonomien von unten, die Webinhalte klassifizieren.

Auch auf Seiten wie del.icio.us oder citeulike entstehen Folksonomien. Ob Melvil Dewey an einer Folksonmie Freude gehabt hätte, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln, ist das Erstellen einer Klassifikation wie das Beschlagworten von Information die Kernkompetenz der InformationswissenschaftlerInnen, und die möchte man sich nicht von Amateuren streitig machen lassen.

Library 2.0 Konzepte führen in dieser Hinsicht zu einem Paradigmenwechsel. Objektzentrierte soziale Netzwerke nehmen dabei eine immer wichtigere Rolle ein im Erschliessen von Informationen, die sich heute auch in Blogs etc. finden (Danowski und Heller 2006, S.4). Danowski und Heller schlagen deshalb vor dass „kontrollierte Taxonomien, wie sie traditionell in Dokumentations- und Bibliothekssystemen eingesetzt werden, und rein durch offene Benutzergemeinschaften gesteuerte Folksonomien, können miteinander ’sprechen’ und voneinander lernen“ (ebd.).

Gleichrangigkeit und Selbstorganisation versus Hierarchie?

März 16, 2008

Das zweite, „neue“ Paradigma der Gleichrangigkeit ist laut Tapscott/Williams notwendig, wenn Unternehmen mit Online Communities zusammenarbeiten wollen. Hierarchische Organisationen sind in der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an der Tagesordnung. Beispiele für Gleichrangigkeit und Selbstorganisation stammen vor allem aus dem Bereich der Open Source Softwareentwicklung. Ein anderes Produkt gleichrangiger Produktionsweise ist Wikipedia.

Hierarchische Organisationsformen haben sich über Jahrhunderte bewährt. Dadurch dass einige Wenige über viel Macht verfügen, können Entscheidungen schneller gefällt und durchgesetzt werden, als wenn zuerst lange darüber diskutiert werden muss. Problematisch wird es dann, wenn die Fehlentscheidungen Weniger viele betreffen. (vgl. Buchegger 2007)

In der Unternehmenswelt hat sich seit der 68er Bewegung ein Trend zur Verflachung der Hierarchien verbreitet (vgl. Trend 03/08).
Die Web 2.0 Technologien tragen nun zusätzlich dazu bei, dass vor allem interne Informationsflüsse neu organisiert werden können und sich dadurch einer hierarchischen Kontrolle immer mehr entziehen. Im Konzept der Enterprise 2.0 wird dabei versucht, diese Mechanismen der Überwindung von Hierarchieebenen zu Gunsten der Unternehmung zu nutzen. Gartner beispielsweise meint, dass Social Software in der Unternehmung zu den strategischen Top 10 Technologien im Jahr 2008 gehört.

Diese Technologien werden dabei in erster Linie dazu genutzt, die Zusammenarbeit bei Projekten zu verbessern.

Aber auch auch erfolgreiche Open Source Communites bedienen sich strukturierter und hierarchischer Prozesse, wenn zum Beispiel einzelne Software Patches zu einer Gesamtheit zusammengefügt werden müssen (Tapscott/Williams S.283). Ohne Kernteam, dass Koordination und Qualitätskontrolle funktioniert weder die Linux- Community noch Wikipedia. Selbstorganisation dagegen ist eher für Kleingruppen geeignet und hat positive Effekte auf die Motivation der Mitarbeiter, die Identifikation mit dem Projekt und soll auch Innovationen fördern, da sich der/die Einzelne besser einbringen kann.

Égalité war schon bei der französischen Revolution ein Schlagwort, trotzdem hört sich die Vorstellung der selbst organisierenden und nicht hierarchischen Unternehmung immer noch sehr utopisch an. Auch mit dem Web 2.0 wird sich in der nächsten Zeit die Art, wie Menschen sich organisieren meiner Meinung nach kaum Grundlegend ändern. Die neuen Methoden der Zusammenarbeit erachte ich trotzdem als eine Bereicherung und Herausforderung, denen man sich auf keinen Fall verschliessen darf.

In der Zukunft wird es vor allem darauf ankommen, die beiden Organisationsformen möglichst geschickt miteinander zu kombinieren.