Ein interessanter Aspekt von Online Kollaboration, den Tapscott/Williams (S.42) in ihrem Buch nur kurz ansprechen ist das Phänomen der kollektiven Intelligenz. Dabei wird angenommen, dass eine möglichst heterogene Gruppe zu intelligenteren Lösungen kommt, als zum Beispiel eine spezialisierte Expertengruppe. Eine Firma die kollektive Intelligenz zu nutzen versucht ist Marketocracy, wo Aktienhändler virtuelle Aktienportfolios unterhalten. Die Strategien der 100 besten Händler werden vom Investmentfonds von Marketocracy kopiert und konkret angewandt.
Der Investementfonds von Marketocracy schneidet laut Tapscott/Williams (S. 24) regemässig besser ab, als der S&P 500 Index . Eine andere Firma, die kollektive Intelligenz konsequent anwendet ist Amazon mit ihrem Ratingsystem, das erlaubt Bücher, Filme etc zu bewerten.
Laut dem Massachussets Institute of Technology MIT, welches das Phänomen der kollektiven Intelligenz untersucht, sind Faktoren wie Vielfältigkeit ,hierarchische neben nicht-hierarchischen Strukturen, modularisierte, dezentrale Aufgaben, ein dichtes Kommunikationsnetz, Anreizsysteme, gemeinsames Vokabular und gemeinsame Infrastruktur sowie gegenseitige Aufmerksamkeit und gegenseitiges Lernen für das Gelingen von kollektiver Intelligenz notwendig. Hemmend wirken dagegen persönliche Voreingenommenheit, enge Bandbreite in der Auswahl der Teilnehmer, mangelnde soziale Verbundenheit sowie kulturelle Grenzen.
Angewandte Forschung betreibt das MIT bezüglich kollektiver Intelligenz in den Bereichen innerorganisationale Zusammenarbeit, Klimawandel, Gesundheitswesen und kollektive Prognostik .
Das wohl bekannteste Produkt kollektiver Intelligenz ist die online Enzyklopädie Wikipedia, welche den Vergleich mit der Encyclopaedia Britannica bei einer Untersuchung der Fachzeitschrift Nature weitgehend standhielt. Auch mit der Onlineausgabe des Brockhaus kann sich Wikipedia messen.
Kritikpunkte der kollektiven Intelligenz sind der menschliche Herdentrieb oder das
Informational Cascading, welches aussagt, dass wir massenhaft geäusserten Ansicht eher zustimmen als wiedersprechen.
Ein weiterer Ansatz zur Nutzung der kollektiven Intelligenz besteht im gemeinschaftlichen Indexieren, auch bekannt als Social Tagging. Dabei entstehen die so genannten Folksonomien, die Taxonomien von unten, die Webinhalte klassifizieren.
Auch auf Seiten wie del.icio.us oder citeulike entstehen Folksonomien. Ob Melvil Dewey an einer Folksonmie Freude gehabt hätte, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln, ist das Erstellen einer Klassifikation wie das Beschlagworten von Information die Kernkompetenz der InformationswissenschaftlerInnen, und die möchte man sich nicht von Amateuren streitig machen lassen.
Library 2.0 Konzepte führen in dieser Hinsicht zu einem Paradigmenwechsel. Objektzentrierte soziale Netzwerke nehmen dabei eine immer wichtigere Rolle ein im Erschliessen von Informationen, die sich heute auch in Blogs etc. finden (Danowski und Heller 2006, S.4). Danowski und Heller schlagen deshalb vor dass „kontrollierte Taxonomien, wie sie traditionell in Dokumentations- und Bibliothekssystemen eingesetzt werden, und rein durch offene Benutzergemeinschaften gesteuerte Folksonomien, können miteinander ’sprechen’ und voneinander lernen“ (ebd.).
Tags: Amazon, Collective Intelligence, Encyclopaedia Britannica, Library 2.0, Marketocray, Social Tagging, Wikipedia
Mai 13, 2008 um 3:28
Also erstmals war ich erstaunt was alles unter kollektiver Intelligenz läuft. Die Bewertungseite von amazon hätte ich wohl nie zur kollektiven Intelligenz gezählt. Wobei ich betonen muss, dass ich mich mit dem Thema koll. Intelligenz auch noch nie vertieft auseinandergesetzt habe und somit sicherlich auch ein wenig idealistische Vorstellungen mit diesem Ausdruck verbinde.
Als ich die hemmenden Faktoren durchgelesen habe, musste ich lächeln..da wurde das Wort unmöglich ausführlich umschrieben
Aber jetzt mal im Ernst, ich denke, dass solche gemeinschaftlich zustande gebrachte Erzeugnisse, wie z.B. wikipedia sicherlich einen Mehrwert leisten und sei es nur, dass Menschen die Möglichkeit erhalten, sich zu äussern und eventuell angespornt werden, sich mit diversen Fragestellungen auseinanderzusetzen.
Wie ich im vorherigen Beitrag angemerkt habe, bin ich der Meinung, dass mit solchen gemeinschaftlichen Produkte die Anforderungen an die Medien- und Sozialkompetenz der Benutzer steigt. Bezüglich der Medienkompetenz muss der Endnutzer einen angemessenen Umgang mit Quellen erhalten, Glaubwürdigkeit abschätzen, die Inhalte kritisch hinterfragen können, Absichten erkennen, weitere Literatur beiziehen, etc. Mit der Sozialkompetenz ziele ich eher auf die Mitarbeitenden ab, die sich so objektiv und werteneutral wie möglich mit den Inhalten und den anderen Mitarbeitenden auseinandersetzen, um das bestmögliche Resultat erzielen zu können.
Was Herrn Dewey anbelangt, bin ich jetzt mal so provokativ und unterstelle ihm, dass er ganz im Sinne deines Beitrags „Teilen: Tragödie oder Füllhorn der Allmende?“ begeistert gewesen wäre über den neuartigen, sozialen Ansatz des Klassifizierens..