Teilen: Tragödie oder Füllhorn der Allmende?
März 20, 2008Teilen aus Altruismus ist Passé, der Kommunismus ebenfalls. Heute soll teilen dazu führen, dass Märkte expandieren. Die Digitalisierung ist der Treiber dazu. Nie war es einfacher und billiger Information zu verbreiten und zu vervielfältigen. Musik, Software, wissenschaftliche Informationen etc. lassen sich problemlos online beschaffen, sei es legal oder illegal. Der Schutz von Urheberrechten und Geistigem Eigentum wird durch Tauschbösen wie Napster oder durch Mashups wie sie von z.B. von Google News praktiziert werden vor neue Herausforderungen gestellt.
Im September 2006 wurde in Belgien Klagen von Copiepresse gegen die Webseite Google News entsprochen, wonach Google nicht berechtigt war, auf der Seite Inhalte aus den Onlineausgaben verschiedener belgischer Zeitungen zu veröffentlichen.
Das Gericht begründet sein Urteil damit, dass Google auf der entsprechenden Seite Werbung platziert und sie deshalb als ein kommerzielles Angebot betrachtet werden müsse.
Die Klage gegen Google ist nur schwer nachvollziehbar. Meiner Meinung nach sollte man sich darüber freuen, wenn man auf einer derart populären Seite wie Google verlinkt wird. Die Reaktion der belgischen Zeitungsverleger weist jedoch auf die ideologische Kluft hin, welche traditionelle Unternehmen mit den neuen Möglichkeiten im World Wide Web zu überwinden haben. Dadurch dass sich die Zeitungsverleger von der Newsseite von Google entfernen lassen, erreichen sie weniger Menschen (potenzielle Leser) mit ihren Botschaften und schneiden sich so ins eigene Fleisch.
Ähnliche Diskussionen werden in der Wissenschaft über Open Access geführt, wo die Verleger in der Brüsseler Erklärung ihre Argumente gegen das freie Teilen von wissenschaftlichem Wissen darlegen.
Aber gerade in der Wissenschaft hat das Teilen von Information eine lange Tradition. Es ist einleuchtend, dass Wissenschaftler, die ihr Wissen mit ihren Kollegen teilen, letztlich gegenseitig voneinander profitieren und so gemeinsam weiter kommen, als wenn jeder in seinem Kämmerlein vor sich hin brütet.
Natürlich ist es ein Unterschied, ob es Wissenschaftler sind die oft staatlich finanziert werden und deren Errungenschaften dadurch als Allgemeingut betrachtet werden können oder eben Journalisten und Verlage oder auch Künstler oder die Musikindustrie, die sich auf dem Markt behaupten müssen und ihr Gut darum schützen wollen. Wird dieses Gut dann als öffentliches Gut betrachtet, so verliert der Urheber das Interesse daran, es zu produzieren, da es ihm das wirtschaftliche Überleben nicht mehr garantiert. Mittlerweile gibt es jedoch Künstler, die ihre Werke online frei zugänglich veröffentlichen wie z.B. der Schriftsteller Charles Stross sein Buch Accelerando.
Dank Lizenzmodellen der Creative Commons ist es möglich Informationen und Daten auf eine Art und Weise der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, dass damit weiter gearbeitet werden kann. Paradebeispiel für das Teilen ist Open Source Software, die zeigt, dass dank der digitalen Kommunikation die Tragik der Allmende durchaus zum Füllhorn der Allmende werden kann.
Aber auch Pharmaunternehmen sind bereit zu teilen. Merck veröffentlichte schon 1995 in Kooperation mit der Washington University auf der allgemein zugänglichen Datenbank Merck Gene Index Daten über menschliche Gensequenzen mit dem Ziel den allgemeinen Fortschritt in der Genomforschung und damit auch deren kommerzielle Verwertung zu fördern, ohne dass Transaktionskosten oder Lizenzgebühren (für patentierte Gensequenzen) die Forschung zusätzlich verteuern (vgl. Tapscott/Williams S. 165).
Tags: Accelerando, Brussels Declaration, Copiepresse, Cornucopia of the Commons, Creative Commons, Google News, Merck Gene Index, Napster, Open Source Software, Tauschbörse, Teilen, Tragedy of the Commons
April 3, 2008 um 3:45 Uhr nachmittags
Und nochmals ich

Ich habe mit leichter Belustigung deinen Beitrag gelesen..automatisch erinnerte ich mich an Ereignisse, als mein Sohn noch ganz, ganz klein war. Nur ein Beispiel: Sandkasten: Viele, viele Spielsachen, die meinem Sohn gehören. Er spielt seelenruhig mit ein, zwei Autos, da kommt ein anderes Kind und will mit einer Schaufel, die meinem Sohn gehört, spielen. Undenkbar! Die Autos werden augenblicklich liegen gelassen, die Schaufel zurückerobert. Das ist ja schliesslich seine
Offensichtlich ist das Teilen eine Angelegenheit, die dem Menschen schon von klein auf schwer fallen. Natürlich lernen auch die Kinder mit der Zeit, dass Teilen Vorteile hat: gemeinsames Spielen, Tauschen, Unterstützung, etc.
Doc ist es überhaupt nicht so, dass diese positive Erfahrung auch für lange Zeit währt. Schon im Studium trifft man wieder auf solche Sonderbarkeiten, wie z.B. selbst geschriebene Unterlagen / Zusammenfassungen an Mitstudent nicht weitergeben. Auch da habe ich schon mit einer Biologiestudentin diskutiert, die der Meinung war, dass sie zu viel Arbeit, Energie, Zeit investiert hat in ihre Unterlagen, um die dann den “untätigen Studenten” weiterzugeben, die hätten ja dann das gleiche Wissen wie sie, einfach nur mit weit weniger Aufwand.
Im Arbeitsleben trifft man da ja offensichtlich auf ähnliche Probleme. Man hat, ob als Individuum oder als Organisation, offensichtlich Angst davor Nachteile mitzutragen, wenn man teilt.
Insofern ist es durchaus verständlich, dass solche Reaktion an der Tagesordnung sind. Abgesehen davon, dass bei finanziellen Auswirkungen auch “Existenzängste” ausgelöst werden können, so unrealistisch diese auch sein mögen.
Aus diesem Grund finde ich die Klage gegen google durchaus nachvollziehbar. Sie erscheint mir aber nicht sinnvoll.
Doch auch bei diesem Punkt der Idee Wikinomics ist das Konzept einfach nicht realitätsnahe, da dabei wohl vergessen wird, wie ängstlich der Mensch von Grund auf ist.
lg rea