Archiv für März, 2008

Wikinomics, doch ein kommunistisches Werkzeug?

März 30, 2008

Jim Buckmaster, der CEO der Internetfirma Craigslist bezeichnet sich selbst als Kommunist und sozialistischer Anarchist! Aber damit hat es sich vermutlich schon mit der linken Gesinnung. Seine Firma Craigslist, ein amerikanischer Kleinanzeigendienst mit 25 Mitarbeitern und geschätzten Jahreseinnahmen von 20 Millionen US $ (Tapscott/Williams 2006, S.190) expandiert mittlerweile nach Europa. Von der Homepage gibt es neu eine deutsche Version und für die Schweizer Städte Zürich und Genf gibt es spezifische Angebote (NZZ am Sonntag, 30. März 2008).

Craigslist ist in den USA äusserst populär, monatlich sollen bereits 30 Millionen Personen die Seiten abrufen. Das platzieren von Kleinanzeigen ist dabei grösstenteils gratis, lediglich für Wohnungs- und Stellenanzeigen in grossen US- Städten sind Gebühren zu entrichten, welche die Haupteinnahmequelle des Dienstes darstellen. Im Jahr 1995 als Newsletter für Ausgehtips von Craig Newmark entwickelt, hat Craigslist den US- Markt für Kleinanzeigen mittlerweile so radikal verändert, dass er mittlerweile als „Sargnagel der Verleger“ gilt (NZZ am Sonntag, 30. März 2008). Man darf deshalb die Entwicklung in Europa mit Spannung verfolgen.Interessant im Zusammenhang mit Craigslist ist auch die Mashupseite Housingmaps, die Google Maps und Craigslist kombiniert. Die Seite Housingmaps wird zwar nicht mehr weiter entwickelt, der Gründer Paul Rademacher arbeitet mittlerweile für Google.

Die Suche nach Wohnraum über eine interaktive Landkarte gibt es natürlich auch auf Seiten wie Homegate.ch, die Preise sind im Vergleich aber einiges höher (25 bis 75 USD nach NZZ am Sonntag für Craigslist gegenüber mindestens CHF 100 bei Homegate.ch). Falls sich Craigslist bei uns verbreitet wird das vermutlich Preissenkungen zur Folge haben. E-Bay findet den Kleinanzeigenmarkt scheinbar zukunftsträchtig, so hat e-Bay 25% der Aktien von Craigslist erworben obwohl es selber das Kleinanzeigenportal kijiji unterhält.Die Chance von Seiten wie Homegate.ch gegenüber Craigslist besteht wohl in erster Linie in der Seriosität der Angebotes sowie im Vertrauen, dass die Kunden bis zum heutigen Tag aufbauen konnten. Über Craigslist sind jedenfalls schon einige negative Schlagzeilen in der Presse erschienen. So wurde am 26. März in der Presse über den Fall von Robert Salisbury berichtet, dessen Haus irrtümlicherweise ausgeräumt wurde, nachdem in einem Craigslist Inserat zu lesen war, dass er seinen Hausrat verschenken wolle.

Andere Probleme des Missbrauchs über Seiten wie Craigslist bestehen im Bereich Betrug, Schwarzarbeit oder Prostitution. Im Spiegel des 10. März 2008 fand sich der Bericht der Hausfrau Ann Marie Linscott, die über Craigslist einen Auftragsmörder anheuerte.

Weniger Besorgt über den Missbrauch zeigte sich der Gründer von Craigslist, Craig Newmark, als er anlässlich der Hauptversammlung der Messaging Anti-Abuse Working Group, die vom 18. bis 20. Februar in San Francisco stattfand darum bat, dass man den Benutzern von Social Sites hinsichtlich einer freiwilligen Meldung von Missbrauch vertrauen möchte.

Teilen: Tragödie oder Füllhorn der Allmende?

März 20, 2008

Teilen aus Altruismus ist Passé, der Kommunismus ebenfalls. Heute soll teilen dazu führen, dass Märkte expandieren. Die Digitalisierung ist der Treiber dazu. Nie war es einfacher und billiger Information zu verbreiten und zu vervielfältigen. Musik, Software, wissenschaftliche Informationen etc. lassen sich problemlos online beschaffen, sei es legal oder illegal. Der Schutz von Urheberrechten und Geistigem Eigentum wird durch Tauschbösen wie Napster oder durch Mashups wie sie von z.B. von Google News praktiziert werden vor neue Herausforderungen gestellt.

Im September 2006 wurde in Belgien Klagen von Copiepresse gegen die Webseite Google News entsprochen, wonach Google nicht berechtigt war, auf der Seite Inhalte aus den Onlineausgaben verschiedener belgischer Zeitungen zu veröffentlichen.

Das Gericht begründet sein Urteil damit, dass Google auf der entsprechenden Seite Werbung platziert und sie deshalb als ein kommerzielles Angebot betrachtet werden müsse.

Die Klage gegen Google ist nur schwer nachvollziehbar. Meiner Meinung nach sollte man sich darüber freuen, wenn man auf einer derart populären Seite wie Google verlinkt wird. Die Reaktion der belgischen Zeitungsverleger weist jedoch auf die ideologische Kluft hin, welche traditionelle Unternehmen mit den neuen Möglichkeiten im World Wide Web zu überwinden haben. Dadurch dass sich die Zeitungsverleger von der Newsseite von Google entfernen lassen, erreichen sie weniger Menschen (potenzielle Leser) mit ihren Botschaften und schneiden sich so ins eigene Fleisch.

Ähnliche Diskussionen werden in der Wissenschaft über Open Access geführt, wo die Verleger in der Brüsseler Erklärung ihre Argumente gegen das freie Teilen von wissenschaftlichem Wissen darlegen.

Aber gerade in der Wissenschaft hat das Teilen von Information eine lange Tradition. Es ist einleuchtend, dass Wissenschaftler, die ihr Wissen mit ihren Kollegen teilen, letztlich gegenseitig voneinander profitieren und so gemeinsam weiter kommen, als wenn jeder in seinem Kämmerlein vor sich hin brütet.

Natürlich ist es ein Unterschied, ob es Wissenschaftler sind die oft staatlich finanziert werden und deren Errungenschaften dadurch als Allgemeingut betrachtet werden können oder eben Journalisten und Verlage oder auch Künstler oder die Musikindustrie, die sich auf dem Markt behaupten müssen und ihr Gut darum schützen wollen. Wird dieses Gut dann als öffentliches Gut betrachtet, so verliert der Urheber das Interesse daran, es zu produzieren, da es ihm das wirtschaftliche Überleben nicht mehr garantiert. Mittlerweile gibt es jedoch Künstler, die ihre Werke online frei zugänglich veröffentlichen wie z.B. der Schriftsteller Charles Stross sein Buch Accelerando.

Dank Lizenzmodellen der Creative Commons ist es möglich Informationen und Daten auf eine Art und Weise der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, dass damit weiter gearbeitet werden kann. Paradebeispiel für das Teilen ist Open Source Software, die zeigt, dass dank der digitalen Kommunikation die Tragik der Allmende durchaus zum Füllhorn der Allmende werden kann.

Aber auch Pharmaunternehmen sind bereit zu teilen. Merck veröffentlichte schon 1995 in Kooperation mit der Washington University auf der allgemein zugänglichen Datenbank Merck Gene Index Daten über menschliche Gensequenzen mit dem Ziel den allgemeinen Fortschritt in der Genomforschung und damit auch deren kommerzielle Verwertung zu fördern, ohne dass Transaktionskosten oder Lizenzgebühren (für patentierte Gensequenzen) die Forschung zusätzlich verteuern (vgl. Tapscott/Williams S. 165).

Gleichrangigkeit und Selbstorganisation versus Hierarchie?

März 16, 2008

Das zweite, „neue“ Paradigma der Gleichrangigkeit ist laut Tapscott/Williams notwendig, wenn Unternehmen mit Online Communities zusammenarbeiten wollen. Hierarchische Organisationen sind in der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an der Tagesordnung. Beispiele für Gleichrangigkeit und Selbstorganisation stammen vor allem aus dem Bereich der Open Source Softwareentwicklung. Ein anderes Produkt gleichrangiger Produktionsweise ist Wikipedia.

Hierarchische Organisationsformen haben sich über Jahrhunderte bewährt. Dadurch dass einige Wenige über viel Macht verfügen, können Entscheidungen schneller gefällt und durchgesetzt werden, als wenn zuerst lange darüber diskutiert werden muss. Problematisch wird es dann, wenn die Fehlentscheidungen Weniger viele betreffen. (vgl. Buchegger 2007)

In der Unternehmenswelt hat sich seit der 68er Bewegung ein Trend zur Verflachung der Hierarchien verbreitet (vgl. Trend 03/08).
Die Web 2.0 Technologien tragen nun zusätzlich dazu bei, dass vor allem interne Informationsflüsse neu organisiert werden können und sich dadurch einer hierarchischen Kontrolle immer mehr entziehen. Im Konzept der Enterprise 2.0 wird dabei versucht, diese Mechanismen der Überwindung von Hierarchieebenen zu Gunsten der Unternehmung zu nutzen. Gartner beispielsweise meint, dass Social Software in der Unternehmung zu den strategischen Top 10 Technologien im Jahr 2008 gehört.

Diese Technologien werden dabei in erster Linie dazu genutzt, die Zusammenarbeit bei Projekten zu verbessern.

Aber auch auch erfolgreiche Open Source Communites bedienen sich strukturierter und hierarchischer Prozesse, wenn zum Beispiel einzelne Software Patches zu einer Gesamtheit zusammengefügt werden müssen (Tapscott/Williams S.283). Ohne Kernteam, dass Koordination und Qualitätskontrolle funktioniert weder die Linux- Community noch Wikipedia. Selbstorganisation dagegen ist eher für Kleingruppen geeignet und hat positive Effekte auf die Motivation der Mitarbeiter, die Identifikation mit dem Projekt und soll auch Innovationen fördern, da sich der/die Einzelne besser einbringen kann.

Égalité war schon bei der französischen Revolution ein Schlagwort, trotzdem hört sich die Vorstellung der selbst organisierenden und nicht hierarchischen Unternehmung immer noch sehr utopisch an. Auch mit dem Web 2.0 wird sich in der nächsten Zeit die Art, wie Menschen sich organisieren meiner Meinung nach kaum Grundlegend ändern. Die neuen Methoden der Zusammenarbeit erachte ich trotzdem als eine Bereicherung und Herausforderung, denen man sich auf keinen Fall verschliessen darf.

In der Zukunft wird es vor allem darauf ankommen, die beiden Organisationsformen möglichst geschickt miteinander zu kombinieren.

Wikinomics Präsentation

März 8, 2008

Für diejenigen, die die Lektion am 6. März verpasst haben, sind hier die Folien der Präsentation zu finden.

Prinzipien, treibende Kräfte und Strategien

März 3, 2008

Was gehört alles zu Wikinomics? Wie äussert sich Wikinomics in der realen Welt. Welches sind die treibenden Kräfte und die Prinzipien hinter Wikinomcs? Klicke auf das Icon zur Vergrösserung.

wikinomics.jpeg

Tapscott/Williams führen in ihrem Buch die vier Paradigmen Offenheit, Gleichrangikeit, Teilen und Globales Handeln auf. Diese Paradigmen sind die Voraussetzung für das Funktionieren von Wikinomics. Zukunftsgerichtete Unternehmungen sollten ihre Firmenkultur nach diesen Paradigmen ausrichten. In diesem Blogeintrag wird auf das erste Paradigma der Offenheit eingegangen. In den folgenden zwei Blogeinträgen soll die Gleichrangigkeit wie das Teilen etwas näher betrachtet werden. Die Phrase des “Globalen Handelns” scheint eher weniger Wikinomics-spezifisch und wird deshalb nicht genauer beschrieben.

Traditionelle Unternehmungen sind oft geschlossene Einheiten. Dies aus der Überzeugung, dass firmeninternes Know-how zu schützen ist, da es zu den Kernkompetenzen zählt. Vor allem die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sind die Bereiche grösster Geheimhaltung.

Durch Offenheit sollen die Unternehmensgrenzen durchlässiger werden. Ideen von aussen sollen in die Unternehmung dringen können und Produkte und Innovationen beeinflussen. Dies kann einerseits geschehen indem die Kunden als Prosumenten in den Produktionsprozess einbezogen werden oder indem Unternehmungen auf Ideenbörsen nach neuen Innovationen Ausschau halten oder selber Wettbewerbe für Problemlösungsvorschläge ausschreiben. Ein Beispiel für die Offenheit ist der Kanadische Rohstoffförderer Goldcorp.

Ende des letzten Jahrtausend war Goldcorp in einer Krise. Die hauseigenen Geologen waren nicht in der Lage neue Goldvorkommen zu erschliessen und die Firma war dem Ruin nahe, als der CEO von Goldcorp beschloss, den Goldcorp Challenge auszuschreiben und im www sämtliche Daten der Schürfgebiete von Goldcorp zu veröffentlichen. Brauchbare Vorschläge für neue Fundstellen wurden mit einem Preisgeld von über einer halben Million $ prämiert. Der Wettbewerb stiess auf reges Interesse und die neuen Vorschläge brachten für Goldcorp die Wende. Der Unternehmenswert stieg von 100 Millionen $ auf 9 Milliarden $ (Tapscott/Williams S. 9).

Heute, wo es Goldcorp wieder gut geht, ist es mit der Offenheit allerdings nicht mehr so weit her. Auf der Homepage von Goldcorp sind jedenfalls keine Daten mehr über die Schürfgebiete zu finden.